BLIND – Eine Kurzfilmproduktion im Zeichen einer Pandemie. Pionierarbeit an einer staatlichen Hochschule?

Der Kurzfilm BLIND ist eine Produktion, entstanden im Zeichen starker Einschränkungen im öffentlichen Leben, plötzlicher gesellschaftlicher Wandlungen und eines Booms von Verschwörungsmythen. Doch wie setzt man in einer Pandemie eine Kurzfilmproduktion um – noch dazu an einer staatlichen Hochschule, welche den Kultusministerien und Entscheidungen der Regierung direkt unterstellt ist? 

In den folgenden Ausführungen möchten wir Sie mitnehmen auf unsere Reise durch die Produktion BLIND.

 

Filmplakat Kurzfilm BLINDSzene 1 – Eine Pandemie

Fangen wir von vorne an. März 2020. Nur wenige Tage nach dem Produktions-KickOff wird plötzlich klar, die kommenden Monate und vielleicht Jahre werden Veränderungen und große Herausforderungen mit sich bringen. Doch wie umgehen mit einem filmisch teils unerfahrenen Team und einer absolut neuen Situation mit neuen gesellschaftlichen Themen?

Zur Themenfindung haben wir uns schnell auf das große und grobe Themenfeld Corona, Isolation & Verschwörungen festgelegt. Um mit einem 17-köpfigen Vorproduktionsteam kreative Ideen zu finden, entschlossen wir uns, einen „Writers Room“ zu eröffnen. In den ersten 4 Monaten entwickelten wir 8 Drehbücher parallel – alle im selben Themenfeld. Das jedoch nur als Grundlage, um aus allen 8 Drehbüchern die besten Kernideen und Gedanken ab Juli 2020 in eine finale Drehbuchversion weiterzutragen – Die Grundidee „sterbender Fisch“ wurde damit als Rückgrat des Films durch viele Eindrücke und gemeinsame Diskussionen ausgeschmückt und entwickelt. Einzigartig ist in diesem Zusammenhang vermutlich die ungewöhnliche Teamarbeit – teilweise haben immer noch bis zu fünf Personen am finalen Drehbuch geschrieben. Die gemeinsame Drehbuchentwicklung ist zuletzt auch dem Format „Filmproduktion an der Hochschule der Medien“ geschuldet, das es vorsieht, ein recht großes, teils unerfahrenes Team auch schon in der Vorproduktion festzulegen. Der Schritt der gemeinsamen Drehbuchentwicklung und die Gestaltung in mindestens wöchentlichen Diskussionsrunden war somit auch eine aktive Entscheidung zu einer guten monatelangen Teamzusammenarbeit, trotz seltener Treffen in Persona.

 

 

 

 

 

Szene 2 – Herausforderungen

Welche Probleme haben sich während des Produktionsverlaufs ergeben?

Set von BLINDBau ders FilmsetsModell des Filmsets

 

A. Unsere Kommunikation.

Eine der größten Herausforderungen war die Kommunikation. Eine studentische Produktion umzusetzen, die in Planung und Austausch vollständig digital stattfindet, muss gut durchdacht sein. Da in Hochschulproduktionen der HdM die Lehre zeitgleich im Mittelpunkt steht, galt es eine Balance zu finden zwischen hierarchischer Departement- Kommunikation und Diskussionsmeetings im vollständigen Team. Zentraler Grundstein dieser Balance war mein wöchentliches Weekly-Treffen, an dem alle Teilnehmer der Produktion sich zusammenschalteten. Indem wir immer wieder neu durch alle Departements moderierten, bot sich jedem die Gelegenheit, zu allen vorhandenen Themen Feedback mitzuteilen, und auch aus fremden Departements zu lernen. In einem schriftlichen Wochenplan wurden im Anschluss auf Grundlage des Weeklys alle zu gestaltenden Themengebiete jedes Departements zentral festgelegt, mit einer Zuordnung der Verantwortlichkeiten im Team. Aus einem Teamkalender wurden zusätzlich alle Termine und Treffen für jeden transparent gemacht. Durch diese wöchentliche zentrale Kommunikation wurde der „Update- Informationsfluss“ für jeden stark erleichtert, und die darauffolgende hierarchische Departement-Kommunikation für jeden zugänglicher. Nur dieser stark ausgeprägte zentrale Informationsfluss, über die Produktion gesteuert, ermöglichte eine strukturierte digitale studentische Umsetzung.

 

Filmplakat von BLIND

B. Finanzierung

2020 kämpften viele Unternehmen mit finanzieller Not – Haushalte fuhren auf „Notplan“ und die Unterstützung von studentischen Projekten wurde umso schwieriger. So war die Produktion BLIND stark geprägt von einem Low- Budget-Plan. Aus minimalem Budget, zusammengesammelt aus zahlreichen Anträgen auf Unterstützung (vgl. Finanzierungsplan), galt es das maximale Erlebnis auf die Leinwand zu bringen – Kosten wurden stets bewertet nach ihrem Wert für das bildliche Endergebnis. Der Setbau und der massenhafte Transport günstiger Props wurden somit zu einem großen Anteil der Gesamtkosten. Unser geringes Budget wurde durch zahlreiche Sponsorings ergänzt. Je geringer die Finanzierung eines Projekts, desto aufwendiger ist natürlich zeitgleich die strukturelle Organisation von Sachsponsoring-Anfragen – langfristige Planung ermöglichte es mir deshalb trotz allem recht kostengünstig zu produzieren.

 

C. Covid19-Schutz

Nicht zuletzt ist ein studentischer Dreh an einer staatlichen Hochschule unter Pandemie-Bedingungen ein großes Risiko. Entscheidungen über Drehfreigaben unterliegen immer der Hochschulleitung und den Kultusministerien durch den „Rahmen der Lehre“ der Produktion. In einem 18-seitigen Corona-Konzept entwickelten wir in enger ausführliche Schutzmaßnahmen für jeden einzelnen Arbeitsschritt der Filmproduktion und stimmten die Maßnahmen im schriftlichen Einverständnis mit dem vollständigen Team ab.

FFP2-Maskenpflicht, Corona-Pausen beim Dreh mind. alle 2 Stunden, dauerhafte Studiolüftungen in Bau und Umbau, Beschränkung auf eine Location im Studio, Eingrenzungen auf maximal einen Darsteller am Dreh und ein zusätzlicher Drehtag sind nur einige der Maßnahmen, die einen transparenten Umgang und eine Bewertung der Risiken ermöglichte. Selbst nur ein Erstkontakt zu einem Corona-Infizierten einen Abbruch des Projekts zu Folge haben können, weshalb durch einen starken Teamzusammenhalt und kulante Sponsoren-Unterstützung das Risiko klein gehalten werden konnte. Bei geringstem Verdacht auch auf Zweit-Kontakte sind Teammitglieder in Quarantäne geblieben, bis zur Auflösung der Situation. Arbeitsschritte wurden dementsprechend auch kurzfristig angepasst.

 

Kameramann bei den Dreharbeiten

Szene 3 – Teamzusammenhalt

Der Schlüssel zu den meisten Lösungen liegt oft in einer guten Teamzusammenarbeit. Oben aufgeführte Herausforderungen kann man nur mit einem Team meistern und passende Lösungen gestalten. Unser Team bestand im Basisteam von Beginn an aus 17 Teilnehmern, im weiteren Verlauf aus bis zu 30 Teilnehmern. Einige Head-Of Postitionen wurden von etwas erfahreneren Studenten besetzt (Abschlussarbeit für Produktion, Kamera und Regie) – viele andere Teilnehmer gestalteten einen Kurzfilm das erste Mal.

A. Mentoren-Struktur.

So war der erste Schlüssel zum Zusammenhalt eine ausgeprägte Mentoren- Mentalität – mit jedem Teammitglied wurden zu Beginn und im Verlauf Crewgespräche geführt, die Positionsauswahl und alle Aufgaben und Arbeitsschritte detailliert diskutiert.

B. Feedbackstruktur

Zumal sich das Team erst nach 6 Monaten das allererste Mal in Präsenz zusammenfinden konnte und außerhalb der Produktion gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit nicht stattfanden, sorgte eine ausgeprägte digitale Feedback-Struktur immer wieder neu für einen gemeinsamen Konsens. Durch digitale Stimmungsabfragen konnte die Teamauslastung und der Zusammenhalt immer wieder geprüft und ggf. Anpassungen in Struktur, Arbeitsdruck etc. vorgenommen werden.

C. Vision

Das Team teilte, nicht zuletzt durch unsere gemeinsame intensive Drehbuchentwicklung, eine gemeinsame Vision des Films. Durch Kommunikationsstrukturen (vgl. Wochenplan), gelang es immer wieder neu das gemeinsame Ziel departementübergreifend fest im Auge zu behalten.

 

Szene 4 – Ein Fazit

Als Produktion bewegten wir uns zumindest im Produktionsjahr 2020 oft auf neuem Terrain. Risiken galt es früh zu erkennen und rechtzeitig Lösungen zu erarbeiten. Nur durch unsere flexible Arbeitsweise, ausführliche Corona- Konzepte, passende kulante Unterstützer, oder auch unsere digitale Teamzusammenführung konnten die möglichen Risiken unseres Kurzfilmprojekts minimal und tragbar gehalten werden. Mit unserem Film wollen wir jeden herausfordern, sich selbst zu hinterfragen – es muss nicht unbedingt eine Verschwörung hinter allem stecken. Wir wollen jeden herausfordern sich selbst auch im Kleinen zu prüfen. Jeder von uns fällt wahrscheinlich oft genug auf zu einfache Lösungen und zu simple Antworten auf komplexe Fragen rein – auch im normalen Alltag. Nur wenn wir auch in der Gesellschaft angstfrei als Team zusammenarbeiten, können wir Probleme und komplexe Fragestellungen gemeinsam lösen.

Filmszene aus BLIND

 

Produktionsbedingungen

Vorproduktionsstart: Ende März 2020

Produktionsstart: Oktober 2020

Dreh: 6 Drehtage Anfang Dezember 2020

Team: 17 Basisteammitglieder + 13 Teilnehmer im Verlauf.

Drehort: Filmstudio, HdM, – gebautes Filmset – Wohnung.

 

 

Text & Bilder: Timon Reidelstürz