Erinnern und Zukunft gestalten – Exkursion nach Polen 05. – 09. September 2018

Der Flieger landet in Krakau, Polen. Hier beginnt die fünftägige Recherchereise: Nach dem Frühstück in einem Café in einem der vielen Hinterhöfe spazieren die 11 Medienstudenten durch die Stadt zum jüdischen Friedhof. Währenddessen erzählt Katarina Bader über die Geschichte des Ortes, wo die Männer eine Kopfbedeckung tragen müssen. Grabstein reiht sich an Grabstein. Es fehlen zum Teil nur wenige Zentimeter bis zum nächsten. Statt Kerzen liegen auf den Gräbern Kieselsteine – manchmal nur einer, manchmal haufenweise. Ab und zu sind Briefe dabei. Bevor die Gruppe mit dem Zug weiter nach Oświęcim reist, essen sie gemeinsam mit Michael Arend in einem jüdischen Restaurant. Während er von seinen Eltern Hana und Hanus Arend erzählt, die beide Auschwitz überlebt haben, gibt es gefilte Fisch – eine jüdische Spezialität.

Gedenken freie Zone

Am nächsten Tag des Projekts begrüßt Leszek Szuster, der Direktor der Internationalen Jugendbegegnungsstätte von Oświęcim/Auschwitz, die HdM-Studenten: „Das hier soll eine freie Zone sein.“ Im Gegensatz zum Konzentrationslager, wo meist geschwiegen und innegehalten wird, kann man an diesem Ort lachen, spielen und reflektieren. In grüner Idylle nicht direkt in, aber nahe der Stadt kann man nach dem Lagerbesuch abschalten und sich sammeln. „Auschwitz macht Leute sprachlos.“ Die Medienstudenten erwartet das auch noch.

Erinnerung ist ein Element der Bildungsarbeit in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte. Weitere sind: die Zukunft mitzugestalten und gemeinsam mit den Besuchern Themen wie Menschenrechte, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit aufzuarbeiten. Hauptsächlich reisen Jugendliche dorthin, um sich mit Politik und der Geschichte von Auschwitz auseinanderzusetzen. Gefördert wird Toleranz und Respekt.

Überlebende geben seit vielen Jahren Einblicke in ihre Vergangenheit. Eine von ihnen ist Zofia Posymsz. Sie ist eng mit der Einrichtung verbunden und mit Direktor Szuster befreundet. In einem Zeitzeugengespräch erzählt die 95-Jährige über ihre Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz und zeigt ihren Talisman – ein Medaillon, das ihr ein anderer Häftling schenkte und das sie seit damals begleitet.

Vergangenheit trifft Gegenwart

Als sie nach einem Schluck Wasser das Glas abstellt, rutscht ihr Ärmel hoch und offenbart ihre Häftlingsnummer, die den Gefangenen tätowiert wurde. Trotz der Erlebnisse kehrt sie immer wieder zurück – zurück in das Stammlager, das man von der Begegnungsstätte aus gut zu Fuß erreicht.

Zofia Posmysz steht vor der schwarzen Wand, von der ein Nachbau im Hof des Lagergefängnisses aufgestellt wurde. Früher schoss man Häftlingen an dieser Stelle ins Genick. Zofia schweigt und erinnert. Am Boden liegen Blumen. Heute stehen hier Touristen und schießen in dieselbe Richtung Fotos. Als Posmysz gehen möchte, rennen ihr die Touristen unbeirrt in den Weg, zu viele Menschen, die die Gedenkstätte besuchen.

Das Studierendenteam aus Stuttgart ist nach Oświęcim gereist, um Eindrücke zu sammeln – vom Ort, dem Stammlager Auschwitz, dem Lager in Birkenau und von der Arbeit und den Werten der Jugendbegegnungsstätte.

Jeder geht anders mit dem Gesehenen um, manche erstarren, manche kämpfen mit den Tränen und hier erleben auch die 11 Studierenden die Jugendbegegnungsstätte als Auffangstation. Hier ist Raum für jeden Gedanken, für gemeinsame Reflexion und Raum auch wieder in fröhliche Gespräche und Begegnungen zu tauchen.

Ein wichtiger Ort, der trotz der Nähe zu den grausamen Verbrechen zwischen 40 und 45 einen Gegenpol bietet, den es hier unbedingt geben muss.

Die Reise war für den Start des Projektes essentiell, um ein Gefühl für diesen Ort zu gewinnen, damit er im Endkonzept adäquat abgebildet wird. An dieser Stelle gilt dem Verein für „Freunde und Förderer der HdM“ größter Dank für die Unterstützung zur Finanzierung des Besuchs.

In drei Gruppen aufgeteilt, definieren die Studierenden die Zielgruppe und deren Wünsche, gleichen sie mit denen der Verantwortlichen ab und sammeln Fotos und Videoclips. Daraus wird bis Ende Januar 2019 ein Social Media Konzept mit Beispielinhalten entstehen, das die Besucher der Internationalen Jugendbegegnungsstätte nach dem Besuch weiter auch digital verbinden soll.

Text: Evelyn Krix, Nina Bechtold